Schalom Begegnungszentrum Delitzsch in Erinnerung an Anne Frank: „Versteckt um zu überleben“

Hier stelle ich einen meiner ehemaligen Arbeitsplätze bzw. einen Teil davon vor. Das Schalom Begegnungszentrum in Delitzsch, einer Kleinstadt nördlich von Leipzig gibt hier Schüler- und Erwachsenengruppen die außergewöhnliche Möglichkeit sich mit dem Thema Judenverfolgung im Zweiten Weltkrieg persönlich auseinander zu setzen.

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Auf dem Dachboden des Hauses der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinde Delitzsch wurde ein Versteck nachgebaut wie es zu Zeiten des Krieges hätte aussehen können. Über eine steile Treppe gelangt man auf den Dachboden und muss sich dort erst einmal umgucken, um das Versteck hinter einem Regal zu finden. Schüler- und Besuchergruppen können dann mit eingezogenem Kopf den circa zehn Quadratmeter großen Raum betreten: ein Schreibtisch mit Stuhl, eine Decke auf dem Boden, einen Eimer in der Ecke sowie einige kleine Gegenstände aus der damaligen Zeit finden sie dort vor. Kein Fenster, keine Frischluft. Im Winter sollte man sich dort mit Jacke aufhalten, im Sommer ist es stickig und heiß. Elektrisches Licht gab es zwar damals meist nicht in so einem Dachboden-Versteck, aber für den komfortablen Besuch gibt es hier Licht – im ersten Teil  zumindest.P1080040

Bis zu zehn Personen können sich in diesem nachgebauten Versteck aufhalten. Im Ernstfall würden zeitweise wohl doppelt so viele reinpassen. Die Besucher werden dann von einem Mitarbeiter mit Fragen konfrontiert und darüber kommt man ins Gespräch. Jugendliche, die sich noch nie mit dem Verfolgtsein auseinander gesetzt haben, werden hier dazu bewogen darüber nachzudenken wie lebensgefährlich, schwierig und kompliziert es damals war unterzutauchen. Was brauchen wir, um uns hier eine Zeitlang zu verstecken? Wer kann uns regelmäßig mit Nahrung und Wasser versorgen? Wem können wir vertrauen und bringen wir damit jemanden ebenso in Lebensgefahr? Wo verrichtet man sein Geschäft… Moment mal, das müssen wir dann ja vor den anderen Versteckten machen, also keine Privatsphäre mehr. Und wohin bringen wir den vollen Eimer, ohne dass die nicht eingeweihten Hausbewohner das mitkriegen? Was würden wir eigentlich den ganzen Tag tun ohne Smartphone, ohne Licht zum Lesen oder Schreiben, ohne dass wir ein Geräusch machen dürfen, weil die Hausfrau, die auf dem Dachboden nebenan ihre Wäsche aufhängt, jedes Husten hören könnte? Manchmal bekommen die Schülergruppen die Aufgabe, eine Minute lang ganz still dazusitzen. Kein Knarzen mit den Papphockern, kein Kichern. Den meisten Jugendlichen gelingt das nicht.

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Nach der Gesprächsrunde wird das Licht ausgeschaltet, das Regal vorgeschoben und ein Bombenangriff simuliert. Mit einem Beamer werden bewegte Bilder von Flugzeugen, die Bomben abwerfen, brennende Häuser und zerstörte Straßen gezeigt, dazu dröhnt die Fliegeralarm-Sirene und das Grollen der Bomber, das Einstürzen von Gebäuden. Nach drei Minuten fiept es dann nur noch aus den verborgenen Lautsprechern, die meisten Besucher sitzen recht betroffen oder beeindruckt da, wenn das Licht wieder eingeschaltet wird.

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Ergänzt wird diese Erlebnisausstellung mit dem Kurzfilm „Spielzeugland“, mit dem ein Berliner Regisseur 2009 einen Oscar gewann. Je nach Alter und Größe der Gruppe werden auch andere Elemente eingesetzt: ein Hörspiel, eine Papp-Mini-Ausgabe des Anne Frank Hauses in Amsterdam zum Nachbauen (zu bestellen beim Anne Frank Zentrum Berlin) sowie Fotos aus dem einmaligen Auschwitz-Album, auf denen unwissende Menschen und Familien bei der Ankunft im KZ und auf dem Weg zur Gaskammer abgebildet sind.

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Die Erlebnisausstellung hat nicht nur zum Ziel über eines der schlimmsten Geschehnisse der Geschichte zu informieren, sondern sie gibt vor allem eine Gelegenheit Verfolgung nachzuempfinden und sich in eine Extremsituation hineinzuversetzen – was kaum möglich ist in Anbetracht, dass wir uns in einem friedlichen und reichem Land befinden. Das macht dankbar.

Standort und Träger: Evangelisch-Freikirchliche Gemeinde Delitzsch, Mitglied im Bundesverband der Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden in Deutschland K.d.ö.R.

Zielgruppen: Schüler (ab ca. Klasse 7), erwachsene Interessenten, Gruppen und Einzelpersonen, die sich mit Judentum, Holocaust und Nationalsozialismus auseinandersetzen wollen

Mitarbeiter: z. Zt. 8 Hauptamtliche, die meisten in Teilzeit sowie 8 Ehrenamtliche (für alle Abteilungen des Hauses, also auch Familienzentrum Family, Jugendberatung Delitzsch, Jugendcafe Quo Vadis)

Finanzierung: hauptsächlich über das Land Sachsen, private Spenden, verschiedene Projektfinanzierungstöpfe

Homepage: http://schalom-delitzsch.de

Ähnliche Institutionen: Anne Frank Zentrum Berlin, Anne Frank Haus Amsterdam

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