Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung: „Dass du ja nicht dick wirst!“

„Ich war im RE unterwegs, die Sitzplätze empfinde ich als sehr eng durch die begrenzenden Stangen an der Seite, weshalb ich mich an den äußeren Platz setze. Als der Schaffner zur Fahrkartenkontrolle kam, maulte er mich an, ich solle Platz machen für eine weitere Person. Eine stehende Person fügte lauthals hinzu: „Neben der passt doch kein Mensch mehr hin!“. Ich stimmte sogar zu, trotz Angriff, denn wo er Recht hat. Der Schaffner meinte dann, ich habe aufzustehen und Platz zu machen. Es könnten dadurch zwei Personen sitzen. Außerdem überlege er sich, von mir ein weiteres Beförderungsgeld zu verlangen, da ich Platz für zwei einnehme. Ich war so schickiert, dass er hinzufuegte, er finde da schon eine Methode. Ich hab ihn dann zur Rede gestellt und ihm gesagt, er könne sich solch diskriminierendes Verhalten sparen und dass das absolut unverschämt ist. Was mich noch mehr verletzt war seine Gleichgültigkeit. Auf meine Androhung einer Beschwerde zuckte er nur mit den Schultern.“ Ein reales Beispiel aus dem Leben einer dicken Person.

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© Natalie Rosenke

Gegen solche und andere Diskriminierungen dicker Menschen setzt sich die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung e. V. (GgG) seit 2005 ein. Sie klärt auf, informiert und nimmt auf politische, soziale und wirtschaftliche Akteure Einfluss. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter und Mitglieder des Vereins verstehen sich nicht als Gruppe von Betroffenen, sondern sie beraten und unterstützen Menschen, die eine Diskriminierung aufgrund ihres Gewichts erfahren haben. Der Verein fordert u.a. Chancengleichheit für Menschen mit unterschiedlichem Körpergewicht und Körperbau, deren Gleichbehandlung am Arbeitsmarkt sowie kompetente Behandlung beim Arzt ohne vorschnelle Diagnosen.

Die Vorurteile gegenüber dicken Menschen und die Beispiele der Diskriminierung sind vielfältig und latent. Das fängt schon an bei engen Supermarkt-Gängen, Sportgeräten und Möbeln, die oftmals nur bis 100 Kilo belastbar sind, es geht weiter bei verweigerter Behandlung beim Arzt und einer abgelehnten Verbeamtung sowie der Annahme, dass dicke Menschen ständig essen oder faul sind. Ich las vor kurzem den Begriff „Genussmenschen“ im Zusammenhang mit Dicksein. Als wenn schlanke Menschen nicht genießen und dicke Menschen nur aus Genuss essen…

Die GgG betont ebenso, dass ein dicker Körper nicht automatisch für einen kranken, undisziplinierten, problemhaften oder gar therapiebedürftigen Menschen steht. Dass ein Hochgewichtiger zwangsläufig unsportlich oder nicht fit ist, ist ebenso eine Voreingenommenheit, selbst beim Leipzigmarathon habe ich dicke Menschen laufen sehen.

P1080712Die Frage ist ja auch: Ab wann ist ein Mensch eigentlich dick? Jemanden, der einfach nur einen runden Bauch hat, würde ich zum Beispiel nicht grundsätzlich als dick bezeichnen, eher als pummelig. Die Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung spricht sich allerdings gegen Begriffe wie mollig oder kräftig sowie gegen Synonyme für dick, also beispielsweise vollschlank oder übergewichtig aus, da diese suggerieren, dass „dick“ ein negatives Wort ist, was man aus Höflichkeit besser nicht sagt. Das leuchtet ein, denn im Grunde ist dick eine nichtwertende Bezeichnung; „ein dickes Buch“ beinhaltet ja auch keine Wertung des Buches. Zu derartigen Denkweisen und zu einer kritischen Selbstreflexion regt die GgG auch auf ihrer Homepage unter „Was Sie tun können“ an. Damit erweist sich die Gesellschaft als ein Verein, der in erster Linie auf ein Problem hinweisen will und Spenden- oder Mitgliedergewinnung weit hinten auf die Prioritätenliste setzt.

Ich frage die Vereinsvorsitzende Natalie Rosenke, warum der Verein sich fast ausschließlich dicken Menschen widmet, wenn doch der Ausdruck „Gewichtsdiskriminierung“ neutral ist, also keinen Hinweis auf hohes oder niedriges Körpergewicht gibt. „Das liegt einerseits an den Themen, die die Ehrenamtlichen hier mitbringen und andererseits wird Dicksein eben so oft mit Schuld und Schämen verknüpft. Dicke Menschen sind eine Personengruppe, die sich am wenigsten wehrt und sehr resigniert ist.“ Aber sie spricht auch vom Druck dem alle Menschen in der Gesellschaft, auch Schlanke ausgesetzt sind: Den eigenen Körper unter Kontrolle halten zu müssen, bloß nicht dick werden, der Alles-ist-machbar-Körper.

Wenn auch Dicke in unserem Kulturkreis deutlich weniger anerkannt sind und wesentlich häufiger diskriminiert werden als Dünne, müssen sich auch sehr schlanke und dünne Menschen nervige Kommentare anhören und haben Herausforderungen beim Kleiderkauf. „Sag mal, isst du denn auch wirklich genug?“ und „Bist du eigentlich magersüchtig?“ sind Fragen, die aus Neugier oder Sorge ohne groß nachzudenken gestellt werden. Dass ein schmaler Körperbau und Dünnsein nicht zwangläufig etwas mit der Ernährung zu tun haben, genauso eben wie Dicksein, kommt vielen nicht in den Sinn.  Und an der Kasse im Klamottenladen zu stehen mit Wäsche oder Bademode aus der Kids Fashion Abteilung, weil es bei den Damengrößen nichts für erwachsene zierliche Körper gibt, hebt auch nicht gerade das Selbstbewusstsein. Es gibt Bekleidungsfachgeschäfte für große Größen, aber ich bin bisher an keinem für kleine Erwachsenengrößen vorbeigekommen.

P1080730Abschließend ein Exkurs im Bereich fragwürdige Erfindungen: Der BMI. Der sagt nämlich absolut nichts darüber aus, wie gesund oder ungesund ein Mensch lebt. Auf der Edeka-Homepage kriegt man unter „Stimmt mein Gewicht?“ a.k.a. BMI-Rechner  folgende Standardantwort, wenn man ein niedriges oder hohes Gewicht angibt: „Das ist Ihr BMI. Dieser Wert liegt für Ihre Altersgruppe unter [bzw. über] dem Normalbereich von 20-25. Die Ursache dafür kann verschiedene Gründe haben. Bitte beachten Sie: Der BMI-Wert bietet eine Orientierungshilfe, sollte aber immer individuell betrachtet werden. Wir empfehlen Ihnen, ein Gespräch mit Ihrem Arzt oder einer Ernährungsberatungsstelle in Ihrer Nähe zu führen. Weitere Informationen erhalten Sie auch bei Ihrer Krankenkasse.“

Jeder, der außerhalb der Norm liegt, sollte also zum Arzt oder Ernährungsberater gehen. Eine Pauschal-Empfehlung, immerhin mit Hinweis auf die Orientierungshilfe. Selbst Krankenkassen machen bei diesem Simsalabim mit. Wenn man einen idealen BMI mit Stempel im Bonusheft vorweisen kann, bekommt man als Belohnung Geld von der Kasse zurück. Als ich als Studentin dieses Angebot meiner Krankenkasse nutzen wollte, zog ich extraviele Klamotten an als die Apothekerin mich wog und gab eine kleinere Körpergröße an, damit der BMI halbwegs im Normalbereich war und ich die Bonus-Kohle für mein dann sogenanntes gesundes Körpergewicht einstreichen konnte. Es gibt kein Normalgewicht, weil Unterschiedlichkeit normal ist und Vielfalt natürlich ist, auch beim Körpergewicht.

Standort und Träger: eingetragener Verein in Berlin

Zielgruppe: Menschen, die aufgrund ihres Gewichts diskriminiert werden

Mitarbeiter: ca. 10 Ehrenamtliche

Finanzierung: Mitgliedsbeiträge und Spenden (da Gewichtsdiskriminierung im Gleichbehandlungsgesetz nicht erfasst ist, ist der Verein mit seinem Anliegen nicht mit öffentlichen Mitteln förderfähig)

Homepage: https://gewichtsdiskriminierung.de

Ähnliche Institutionen: keine vergleichbare politisch engagierte Organisation in Deutschland gefunden, es gibt aber beispielsweise Internetangebote zum Thema auf https://das-dicke-forum.de und http://dickduenn.de

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