Altkleider: „Ich soll alle Spenden annehmen, aber eigentlich ist hier kein Platz mehr.“

P1090231Das Thema verfolgt mich. Im Mai bastelte ich hier einen Artikel über die Besorgung von Kleidung, jetzt gibt’s etwas über die Entsorgung. Nach dem Blogbeitrag über die Initiative Konsum Global Leipzig, die ich in der Fußgängerzone kennenlernte, inspirierte mich diesmal ein ungebetener Flyer in meinem Briefkasten. Zum dritten Mal fand ich im Postkasten einen schriftlichen Aufruf irgendeines Unternehmens, das gewerblich Altkleider sammelt, trotz fetter Aufschrift, dass ich keine Werbung und Flyer haben möchte… wegen Papierkram-und-Müll-Genervtheit.

Nach einigen Anrufversuchen erreichte ich bei der Altkleider-Firma den Chef höchstpersönlich. Auf mein Nachfragen erzählte er mir kurz, dass die gesammelte Kleidung an europäische Sortierbetriebe weitergeht. Welche das sind, dürfe er mir nicht sagen. Ich musste eine Weile mit ihm über den ungewünschten Flyer im Briefkasten diskutieren, weil dies ja angeblich keine Werbung sei, sondern eine kostenlose Dienstleistung, die sie anböten und er sah nicht ein, warum er mir keinen Flyer in den Briefkasten stecken dürfe, auch wenn ich dies nicht wünsche. Wir einigten uns auf ein personenbezogenes Einwurf-Verbot. Er meinte noch, dass er mir ja dann nichts über seine Branche erzählen hätte müssen. (Harhar!)

Bisher lebte ich und sicherlich auch zahlreiche andere Personen mit der Annahme: Kleidercontainer sind böse! Warum eigentlich? Da war doch was mit „Weiterverkauf nach Afrika“ und „Zerstörung des dortigen regionalen Kleidermarktes“. Meine Recherche brachte mir unerwartete Erkenntnisse, und zwar Folgende:

P1090223Die in Deutschland gesammelte Gebrauchtkleidung wird nie-niemals in diesen Mengen, Bergen und Massen von den finanziell nicht so gut ausgestatteten Menschen hier benötigt. Würde man die jährlich gesammelten 750.000 Tonnen Altkleider den 82 Mio. Menschen in Deutschland aufzwingen, müsste jeder 9 Kilo Altkleider pro Jahr nehmen. Das entspricht 18 Hosen. Oder 50 Tshirts. Wer braucht so viel?! Also müssen die Kleiderberge woanders hingekarrt werden. Über die besagten europäischen Sortierbetriebe werden sie nach Osteuropa, Afrika und den Nahen Osten, aber auch nach Asien verfrachtet, einige Tonnen bleiben in Westeuropa.

P1090229Der Clou: Es ist wurst-egal, ob man seine getragene Kleidung in der Kleiderkammer abgibt oder in einen Container einer karitativen Organisation oder aber in den Container eines kommerziellen Kleidersammelunternehmens wirft! Denn auch die Kleiderkammern quellen über und verkaufen überschüssige Kleidung an Verwertungsunternehmen. Eine Mitarbeiterin im Sozialkaufhaus, wo es auch viel Kleidung gibt, sagte mir, dass sie laut Chefin alles von Spendern annehmen müsse, obwohl sie keinen Platz mehr im Laden habe. Das DRK gibt laut eigener Homepage nur 10 Prozent (bei den Maltesern: „geringer Anteil“) der noch tragbaren Kleidung (noch tragbar sind wiederum 50 Prozent aller Altkleider) an sogenannte Bedürftige weiter, teilweise gegen kleinen Obolus. Egal, wo man seine Kleidung hingibt, es gibt keine Garantie, dass sich kein Wirtschaftsunternehmen an den Sachspenden bereichert. Trotzdem unterstützt man auch karitative Zwecke, wenn man Altkleidercontainer von gemeinnützigen Einrichtungen füttert, denn aus dem Verkauf finanzieren die Organisationen ihre wohltätigen Projekte.

Gebrauchte Kleidung als Spenden in Entwicklungsländer zu schicken, macht aus mehreren Gründen wenig Sinn. Das DRK weist beispielweise darauf hin, dass Klima und Witterung in fernen Ländern andere Kleidung als unsere erfordert, manchmal haben Volksstämme auch ganz andere Kleidergrößen als wir und zudem sind die Kosten für die Logistik unverhältnismäßig. Bei Katastrophen in Haiti macht es viel mehr Sinn benötigte Kleidung vor Ort in Haiti zu besorgen. Zudem ist es grundsätzlich fraglich, wenn nicht sogar fatal, Abhängigkeit fördernde Entwicklungshilfe in Form von Sachspenden leisten zu wollen, denn das hilft langfristig gesehen nicht.

Zur Frage aller Fragen. Schadet man mit seiner Spende dem Textilproduktionsmarkt in den Importländern? Nein, nicht grundsätzlich. Zwar wäre es sinnvoller, wenn z. B. Kleinunternehmer in afrikanischen Ländern den lokalen Kleidungsmarkt bedienten und davon leben könnten, aber es gibt außer dem Import von Second-Hand-Kleidung aus Europa noch viele andere Faktoren, die diese Entwicklung hemmen. Einer davon ist auch bei uns in Europa vorfindbar: Die superbillig produzierenden Unternehmen in Asien. Denn die bieten eben auch superbillig in allen anderen Ländern an, so auch in Entwicklungsländern. Aus mehreren Quellen (FairWertung e. V., Packmee.de von TEXAID ReCommerce GmbH, Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung) erfuhr ich, dass die Second-Hand-Klamotten aus Europa deswegen angeblich sehr gefragt sind, weil sie eine bessere Qualität haben als die asiatische Neuware. Was mir nicht einleuchtet, denn auch unsere tolle Qualität kommt ja aus Bangladesch.

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Die Bundesregierung hat 2012 zu deutschen Altkleiderexporten in Entwicklungs- und Schwellenländer Stellung bezogen und nannte als weiteres Pro-Altkleider-Export-Argument u.a., dass in vielen Entwicklungsländern die Einfuhr von textilem Rohmaterial zollmäßig teurer sei als der Import von Fertigprodukten. Der Verband FairWertung e. V., der sich für Transparenz und Qualitätsstandards in der Altkleidersammlung einsetzt, weist auch auf die geringe Produktivität in afrikanischen Unternehmen hin und dass die Menge der dort produzierten Kleidung nicht den Bedarf der Bevölkerung deckt.

Unschlagbar ist auch das Arbeitsplatz-Argument. Durch die ganzen Sortiervorgänge, die vielen Zwischenhandel-Stationen und das eventuelle Umgestalten und Umnähen der Kleidung werden weltweit eine Menge Arbeitsplätze geschaffen. Dass in diesem Milliardengeschäft der Eine mehr Geld macht als der Andere ist auch in anderen Handelsbranchen eine ungerechte Gegebenheit. Und dass man mit der Förderung von Second-Hand-Kleidung auch der Umwelt etwas Gutes tut, muss hier nicht weiter ausgeführt werden.

P1090215Ich finde kein überzeugendes Argument, warum es böse ist mit Altkleidern Geschäfte zu machen. Fairerweise könnten höchstens die Spender auch ein paar Cent für ihre Altkleider, die sie einst als Neuware einkauften, bekommen. Bei den Containern sollte man drauf achten, wer diesen betreibt, denn ab und zu werden einige davon aufgestellt ohne eine Genehmigung bei der Stadt oder Kommune eingeholt zu haben und somit werden einfach keine Aufstellgebühren bezahlt; negativ in den Medien war z. B. die Profittex GmbH. Die Malteser und das DRK machen ihre Sammlungen und was damit passiert auf ihren Internetseiten sehr transparent. Bei den Johannitern findet man keine Infos auf der eigenen Website, aber die Container sind informativ beschriftet. Zwischen den Sammlern gibt vermutlich es einen Mega-Wettbewerb um unsere weggeschmissene Kleidung. Ob er-sie-es dieses System unterstützen möchte, kann ja jeder für sich entscheiden.

Gibt es nun aber eine Alternative, wenn Kleidung nicht mehr gefällt, nicht mehr passt oder ausgeleiert/verblichen/befleckt ist? Gibt es, sogar mehrere. Was nicht mehr den eigenen Geschmack trifft oder nicht passt, kann an Freunde, Bekannte oder in der Familie weitergegeben werden, in einer Givebox findet es immer Abnehmer, aufwändiger ist das Verkaufen oder Tauschen im Internet.

p1090245.jpgWenn Kleidung absolut heruntergekommen ist, kann man sie, klar, in den Hausmüll werfen, dann wird sie verbrannt. In Altkleidercontainern wird solche Ware möglicherweise recycelt und zu Putzlappen verarbeitet, aber dann kann man sie auch gleich bei sich behalten, kleinschnippeln und damit die Wohnung blank wienern. Und während Männer einfach nur mit einem löchrigen Tshirt das Fahrrad oder Auto polieren können, haben Frauen eine absolut grandiose Win-Win-Win-Win-Win-Möglichkeit, indem sie sich aus den unbrauchbaren Klamotten wiederverwendbare, waschbare Stoffbinden und Slipeinlagen nähen. Das ist nämlich gut für die Müllvermeidung (minus 3 Kilogramm im Jahr), den Geldbeutel (minus 25 Euro im Jahr), die plastikfreie Atmungsaktivität des weiblichen Körpers sowie eine umweltschutzmäßige Ressourcenschonung bezüglich der Herstellung von Wegwerf-Damenhygiene und zu guter Letzt fördert es die Kreativität und das Handarbeitsgeschick. Fabulös!

Nachtrag:

Aus nicht mehr gebrauchten Taschen, Turnbeuteln und sonstigen Tragebehältnissen kann man nämlich eine Festival-taugliche Gürteltasche nähen. 🙂 Ich wurde somit Alttextilien los und verschaffte mir problemlosen Zutritt zum Festivalgelände (sonstige Taschen oder Rucksäcke sind nicht mehr erlaubt). Kostete mich… grob aufgerundet… hm, null Euro. Und viele Stunden Arbeit.

2 Gedanken zu “Altkleider: „Ich soll alle Spenden annehmen, aber eigentlich ist hier kein Platz mehr.“

  1. Hallo Frau Pippilotta,
    bin erfreut über deine Berichte. Sie geben Antworten auf Fragen die in Diskussionen über Nachhaltigkeit oft Vorkommen. Warum mit Altkleidern Geld gemacht wird zum Beispiel. Mir war garnicht klar wieviel wirklich gespendet wird. Das Thema Kleiderspende ist für mich Interessant, da wir im Süden eine kleine Givebox betreiben. Wir haben dort die Erfahrung gemacht daß selten etwas länger als zwei Tage liegen bleibt. Selbst ein Wintermantel verschwindet dort mitten im Sommer. Den Menschen, die etwas in eine Givebox legen, ist es wichtig diese Dinge zu erhalten. Nach diesem Artikel habe ich nun keine Angst mehr vor Überfüllung. Ab mit dem Zeug in den Kleidercontainer. Wird eben ein Scheuerlappen daraus und beim Betreiber bleiben für den Gemeinnutz auch ein paar Cent hängen.
    Vielen Dank und mach weiter so.

    Gefällt 1 Person

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