Freiwilligenagentur Leipzig: „Im Sommer gehen die Leute lieber an den See als sich ehrenamtlich zu engagieren.“

Ehrenamtliche sind krass. Sie erwirtschaften in Deutschland imaginär Milliarden von Euro. Bewertet man die geleistete Stunden freiwilligen Engagements monetär, kommt die Friedrich Ebert Stiftung auf 67 Milliarden Euro pro Jahr, das Statistische Bundesamt sogar auf jährliche 82 Milliarden Euro.

Es gibt unzählige Möglichkeiten sich ehrenamtlich auszutoben und um die passende freiwillige Tätigkeit zu finden gibt es haufenweise digitale Ehrenamtsbörsen und analoge Freiwilligenagenturen. Letztere weisen sehr unterschiedliche Grade an Struktur, Professionalität, Kapazitäten und Aktivitäten auf. Professionalität ist übrigens nicht immer passend und nicht gleichzusetzen mit „wie in der Privatwirtschaft“. Wenn ein Ehrenamtsinteressierter erst einmal ein elendig langes „Bewerbungsformular für Freiwillige“ ausfüllen muss, wird ein Verein nicht gerade mit Ehrenamtlichen überschwemmt werden. (Mein Rat: Sowas lieber in oder nach einem Erstgespräch ausfüllen lassen. Es sei denn man wird tatsächlich von Ehrenamtlichen ohne Ende bestürmt, dann passt ein Bewerbungs-Auswahlverfahren.)

P1090268Ich testete mal die Freiwilligenagentur Leipzig und vereinbarte einen Beratungstermin. Vorher hatte ich schon online auf deren Homepage in den hunderten Ehrenamtsangeboten gestöbert. Das Gespräch führte eine junge Frau, die bei der Freiwilligenagentur einen Bundfreiwilligendienst leistete: „Wofür interessieren Sie sich denn?“ Das Ergebnis war, dass sie auch nur die Suchmaske ausfüllte und für mich interessante Angebote ausdruckte. Deshalb ist mein Fazit: Die persönliche Beratung lohnt sich nur für nicht-internetaffine Leute. Allerdings erfuhr ich dort, dass die Freiwilligenagentur selbst Ehrenamtliche für solche Beratungsgespräche sucht, da die personellen Ressourcen offensichtlich nicht ausreichen den Beratungsbedarf zu decken, besonders ab Herbst, wenn wieder mehr Interesse für ehrenamtliches Engagement besteht.

In Deutschland gibt es über 500 Freiwilligenagenturen, die freiwilliges Engagement fördern, dafür werben und Veranstaltungen sowie Weiterbildungen rund um das Thema organisieren. Einige Agenturen veranstalten jährlich einen Freiwilligentag. Ein geniales Konzept – Menschen mit wenig Zeit können sich mal für einen Tag engagieren und aus einer Reihe von gemeinnützigen Projekten in ihrer Stadt auswählen. Idealerweise treffen sich dann abends alle Ein-Tages-Ehrenamtlichen noch zu einer Dankeschönparty.

Nicht nur dieses Beispiel zeigt, dass das Ehrenamt sich wandelt. Ehrenamt ist oft gar kein Amt mehr, was jahrzehntelang ausgeübt wird, sondern findet immer mehr befristet in Projekten statt und hat ganz andere Formen. Aktionsorientiertes und zeitlich begrenztes Engagement findet in Flash-Mobs (Aufmerksammachen auf ein gesellschaftliches/politisches Thema, z. B. Flashmob Flüchtlingsboot), im Internet (Rollstuhl-gerechte Orte verzeichnen unter wheelmap.org) oder als Charity Challenge (Laufen, Gehen und Wandern für einen guten Zweck bei bewegunghilft.de) statt. Mehr zu den aktuellen Entwicklungen des Ehrenamtes in Deutschland findet man im Freiwilligensurvey, der alle fünf Jahre erhoben und veröffentlicht wird.

P1090339Wem Weiterbildungen Spaß machen (yes, please!), der wird auch beim Thema Freiwilligenarbeit und Ehrenamt fündig. Ideen für die Arbeit von, in und mit Freiwilligenagenturen gibt es in Seminaren der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen. Preisgünstige Fortbildungen für Ehrenamtliche mit Verwaltungs- oder Leitungsfunktionen werden beispielsweise an Volkshochschulen angeboten, in Leipzig u.a. zu den Themen Vereinsgründung, Kassenprüfung, Projektmanagement und Ehrenamtsbindung (kostet zwischen 6,50 Euro und 22 Euro). An der Akademie für Ehrenamtlichkeit in Berlin kann man sich zum Freiwilligenkoordinator oder Strategischen Freiwilligenmanager ausbilden lassen, dafür muss man aber ein bisschen tiefer in den Geldbeutel, nein eigentlich aufs Sparkonto greifen (250 bis 800 Euro). Einerseits lohnt sich die Investition, so ein Basiskurs ist sowohl für absolute Einsteiger als auch Menschen mit ersten Erfahrungen in der Arbeit mit Freiwilligen geeignet und ist wirklich sehr individuell auf die Teilnehmer ausgerichtet. Andererseits ist es sehr schade (bzw. zum Verrücktwerden), dass die meisten gemeinnützige Einrichtungen und Freiwilligenagenturen keine finanziellen Kapazitäten für eine ausgebildete Freiwilligenkoordinatorin haben. Auch wenn ich super-gerne Ehrenamtliche in der Leipziger Freiwilligenagentur beraten und vermitteln würde, mache ich das nicht, denn meine Arbeit wäre gratis für die Agentur. Eine ausgebildete Einzelhandelskauffrau setzt sich ja auch nicht ehrenamtlich an die Kasse.

Wo Ehrenamtsangebote nichts zu suchen haben, sind Jobbörsen. Leider ist es Realität, dass einige gemeinnützige Organisationen da ganz gewaltig etwas verwechseln, wie ich kürzlich auf dem Fundraising-Tag in Dresden an der dort aufgestellten Jobwand feststellte. Die Geschäftsführerin der Stiftung Bürger für Leipzig Angelika Kell brachte es auf dem 3. Leipziger NPO-Forum letzte Woche auf den Punkt als sie sagte, dass Ehrenamt freiwillig und der Kopf dafür frei sein müsse. Es sei kein Ersatz für bezahlte Arbeit und Nonprofit-Organisationen sollten keine Lückenbüßer bezüglich der Beschäftigung von Erwerbslosen sein. Schlaue Wissenschaftler wie Dietmar, Christian und Eckhard bezeichnen den gemeinnützigen Sektor wahrheitsgemäß als „arbeitsmarktpolitisches Experimentierfeld“. WDR 5 fasste letztes Jahr zum Internationalen Tag des Ehrenamtes das Positive und das Problematische des Ehrenamtes in einem Radiobeitrag ganz gut zusammen.

P1090265Träger: Freiwilligen-Agentur Leipzig e. V.

Zielgruppe: Vereine und gemeinnützige Einrichtungen/Projekte; Menschen, die sich freiwillig engagieren wollen

Mitarbeiter: ungefähr eine Handvoll Hauptamtliche und nochmal so viele Ehrenamtliche

Finanzierung: durch öffentliche Einrichtungen (Stadt, Jobcenter), Förderer aus der Privatwirtschaft, Vereinsmitglieder, Spenden

Homepage: freiwilligen-agentur-leipzig.de

Ähnliche Institutionen: gaaaaanz viele; im Leipziger Raum z. B. die Freiwilligenzentrale der Diakonie oder die Ehrenamt Community Südraum Leipzig

EngagierBar_mit-Text-2

Supi Idee und neu in Leipzig: Die EngagierBar. Ab Oktober.

(Gerade findet übrigens die Engagementwoche in Deutschland statt.)

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s