Weihnachten im Schuhkarton: „Diese Schuhkartons verändern Leben.“

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© Theresa Mittmann

Eine sehr gewagte Aussage. Sie kommt von der Hilfsorganisation „Geschenke der Hoffnung“. Fast jeder kennt die jährlich wiederkehrende Aktion bei der hunderttausende bedürftige Kinder weltweit mit Weihnachtspäckchen beschenkt werden. Den Hut hat die christliche Partnerorganisation „Samaritan‘s Purse“ in den USA auf. In Deutschland wird „Operation Christmas Child“ a.k.a. Weihnachten im Schuhkarton von der erstgenannten Institution durchgeführt.

Die Idee ist auf den ersten Blick super: Es geht um Nächstenliebe. Wir geben von unserem Überfluss ab, kaufen neue Schreibwaren, ordentliche Kleidung, praktische Hygieneartikel und schönes Spielzeug. Das alles kommt in einen bunten Karton, der bequem in eine Annahmestelle in der Nähe (in Deutschland gibt es über 4.500) gebracht werden kann. Wer nicht alleine packen will, schmeißt eine Packparty und lädt sich dafür Pimp-your-Packparty-Material von der Homepage herunter oder bestellt ein Partypaket bei Geschenke der Hoffnung. Es gibt auch öffentliche Packpartys mit Promis. Yeah. Die Annahmestellen sortieren und prüfen dann nochmal die Päckchen und schließlich werden sie abgeholt, um nach Georgien, Litauen, Polen sowie in viele weitere europäische und asiatische Länder weitertransportiert zu werden.

Reise

© David Vogt/Geschenke der Hoffnung

Der Aufwand ist immens. Zwar ist es lobenswert, dass so viele ehrenamtliche Helfer mit anpacken, aber Transport und Logistik sind unökologisch und irgendwie ja auch unwirtschaftlich. Das fiel mir besonders auf als ich vor einigen Jahren die Aktion in einer Kirchengemeinde beobachtete. Die abgegebenen Päckchen wurden wieder komplett ausgepackt und neu zusammengestellt. Wenn man dann einen Berg von hundert Zahnbürsten auf den Tischen sieht, fragt man sich schon, warum arme Kinder Zahnbürsten aus Deutschland kriegen müssen und ob die Päckchen-Empfängerländer nicht selbst in der Lage sind Zahnbürsten herzustellen. Wenn der Aktionsträger solche Artikel dort kaufen und den Kindern schenken würde, würde das BIP im jeweiligen Land wenigstens minimal steigen. Langfristig gesehen helfen wir mit unseren Geschenken aus Deutschland den Kindern in der Welt nicht. Und ob die Kinder tatsächlich etwas mit den Kuscheltieren, Haarspangen und Mützen, die teilweise wahrscheinlich in den asiatischen Ländern selbst für einen Hungerlohn produziert und bei uns billig verkauft werden, anfangen können, darüber gibt es (noch) keine Studie.

Das christliche Werk Geschenke der Hoffnung wirbt mit großen Sätzen: „Diese Schuhkartons verändern Leben.“, „Oft ist ein Schuhkarton der Startpunkt für etwas Großes.“, „Kinder entdecken ihr Potenzial, finden neue Freunde.“, „Es beginnt mit einem Schuhkarton und es endet mit Familien und Gesellschaften, die verändert werden.“ Ich bezweifle, dass eine Gesellschaft verändert wird, indem wir einmal im Jahr (damit wir uns an Weihnachten auch ja gut und großzügig fühlen) Menschen in ärmeren Ländern beschenken. Ich glaube, dass dann eine Gesellschaft verändert wird, wenn Menschen gerecht bezahlt werden und Arbeitsplätze geschaffen werden, wenn Kriege beendet werden, wenn die Politik und die Wirtschaft Voraussetzungen schaffen, damit Menschen eben nicht auf Geschenke angewiesen sind, sondern sich selbst ihr Hab und Gut erwirtschaften können und unabhängig sind. Soweit denkt Weihnachten im Schuhkarton nicht. Aber das will die Hilfsorganisation auch gar nicht. Sie erklärt sogar sehr transparent, dass ein „einmaliges Geschenk wenig geeignet ist, nachhaltige Entwicklungshilfe im klassischen Sinne zu leisten.“ Und wer noch von „Entwicklungshilfe“ spricht, benötigt Fortbildung; man spricht heutzutage von Entwicklungszusammenarbeit oder wirtschaftlicher Zusammenarbeit (und handelt hoffentlich auch danach).

Ebenso transparent gibt die Organisationen Informationen darüber, wer ein solches Päckchen erhält: bedürftige Kinder. Bedürftigkeit ist etwas Subjektives. Ich besitze selbst einen Tafel-Pass und gelte in Deutschland als offiziell bedürftig. Bin ich deswegen arm? Absolut nicht. Ähnliche Erfahrungen habe ich mit einem Empfänger-Kind meines Schuhkartons gemacht. Salome aus Rumänien war 11 Jahre alt als sie mein Päckchen bekam, ich war 5 Jahre älter. Sie hatte in ihrer Kirchengemeinde das Geschenkepäckchen bekommen und darin lag eine Nachricht von mir. Wir schrieben uns Briefe, später waren wir auf Facebook befreundet und ich konnte nachverfolgen, dass sie anfing zu studieren und eine Traumhochzeit in Weiß hatte, alles ganz normal eben; nicht das, was man unter Bedürftigkeit oder Not versteht. Mein Päckchen hat Salomes Leben höchstwahrscheinlich nicht geprägt, so wie es der Verein großspurig in seinem Imagevideo erklärt. Natürlich gönne ich JEDEM Kind so ein Päckchen, egal ob arm oder vermögend, weil es für Kinder einfach schön ist Geschenke zu bekommen. Die Organisation weist auch darauf hin, dass es nur in Einzelfällen vorkommt, dass ein Päckchen zu einem nicht-bedürftigen Kind kommt. Dann war das wohl zufällig so bei meinem Schuhkarton.

Barbie

© David Vogt/Geschenke der Hoffnung

Und auch wenn Abgeben und Schenken gut und richtig sind, können wir mit diesen Päckchen nicht die Welt retten, so wie Geschenke der Hoffnung es darstellt. Die Organisatoren meinen, es sei „mehr als nur ein Glücksmoment“. Ich behaupte: Es ist nur ein Glücksmoment für die beschenkten Kinder. Und die Schenker. Nicht mehr und nicht weniger. Abgesehen davon tun den meisten von uns die 30 Euro für Kleidung und Süßigkeiten auch nicht weh. Es ist also keine Heldentat. Und gleichzeitig ist es dennoch wichtig die Welt im Kleinen schöner zu machen.

Kritiker dieser Aktion stören sich zudem daran, dass Kindern die Päckchen zu christlichen Missionszwecken überreicht werden. Sowohl in Deutschland als auch in den USA äußern sich die Trägerorganisationen dazu schwammig. Sie wollen nicht mit Geschenken manipulieren, aber sie wollen klar das „Evangelium teilen“ und berichten stolz darüber, dass sich seit 2010 schon 7 Millionen Kinder bekehrt haben. Allerdings – Weihnachten ist nunmal ein christliches Fest, da ist also nichts falsch daran, zu diesem Anlass Werbung für Jesus zu machen. Dass dies aber auch in Ländern gemacht wird, wo andere Religionen vorherrschend sind, ist fragwürdig. Päckchen aus dem deutschsprachigen Raum wurden im letzten Jahr nur in christlich geprägte Länder gebracht. Andere Länder, die sich als Schenker beteiligten, lieferten die Päckchen aber auch in Länder wie die Mongolei oder Thailand, wo der Buddhismus die meist vertretene Religion ist.

Samaritan's Purse

© Samaritan’s Purse

Die bereits genannte US-amerikanische Organisation „Samaritan’s Purse“ gibt gar keine Infos darüber in welchen Länder sie die Päckchen verteilt. Das erfährt man nämlich nur, wenn man zusätzlich zu seinem Päckchen online 9 Dollar spendet. Dann gibt das „Follow your Box Tool“ im Nachhinein eine Info in welches Land das eigene Päckchen gelangt ist. Einem selbstlosen Schenker sollte es eigentlich scheißegal sein in welchem Land er ein armes Kind beschenkt. (Dieser offensichtlich sehr komplizierte Zusatz-Service wird übrigens in 25 Fragen und Antworten genau auf der Homepage von „Samaritan’s Purse“ erklärt.) Und auch sonst sind die Grundsätze und Arbeitsweisen dieser Missionsorganisation um einiges schärfer als beim deutschen Träger der Aktion. Die christlich-fundamentalistische* Organisation erklärt in ihrem Ablauf von „Operation Christmas Child“, dass die ehrenamtlichen Helfer beim Päckchensortieren jede Stunde eine Pause machen, um für die Kinder, die diese Päckchen erhalten zu beten (mit Händeauflegen auf die Pakete) und dass sie die Pastoren in den Empfänger-Ländern nochmal extra schult, wie man eine Evangelisations-Veranstaltung mit Päckchenübergabe richtig macht.

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© Theresa Mittmann

Es gibt einige Alternativen zu Weihnachten im Schuhkarton. Eine ähnliche Aktion wird etwas bodenständiger von Licht im Osten durchgeführt. Hier ist klar die Nächstenliebe ohne Bekehrungsziel im Vordergrund, außerdem bekommen auch Senioren und Familien Päckchen, nicht nur Kinder. Nicht-religiöse Päckchen-Aktionen werden von der Weihnachtspäckchenkonvoi gGmbh und der Stiftung Kinderzukunft durchgeführt. Eine andere Idee für Weihnachtsliebhaber, die keine Päckchen packen wollen und ein faires Weihnachtsprojekt unterstützen wollen, ist die ökumenischen Aktion Weihnachten Weltweit.

Geschenke der Hoffnung wünscht übrigens, dass über Weihnachten im Schuhkarton gebloggt wird. Ist doch gern geschehen! 🙂

Träger und Standort: Geschenke der Hoffnung e.V. in Berlin

Zielgruppen: Kinder und junge Menschen weltweit

Mitarbeiter: an die 40 Hauptamtlichen in Deutschland und sehr viele Ehrenamtliche (bei Weihnachten im Schuhkarton über 9000 registrierte Freiwillige)

Finanzierung: Spenden

Homepage: https://www.geschenke-der-hoffnung.org/

Ähnliche Institutionen: Licht im Osten e.V., humedica e.V., Bibel-Mission e.V.

* Fundamentalistisch bedeutet in diesem Fall, dass Samaritan’s Purse die Bibel wortwörtlich als unfehlbares und autoritäres Wort Gottes nimmt und keinen oder kaum Raum für Interpretationen lässt. Ihre Arbeit beruht beispielsweise auf dem Glauben, dass jeder Christ andere Menschen bekehren muss und dass Sexualität nur innerhalb der Ehe eines genetischen Mannes und einer genetischen Frau ausgelebt werden darf, weil das ihrer Meinung nach genau so in der Bibel steht. Weitere Grundsätze hier im „Statement of Faith“.

 

Für OpiNachtrag: Nachdem ich eine ganze halbe Nacht in lebendigen Farben davon träumte wie ich intensiv für ein Weihnachtspäckchen einkaufe, siegte das Ich-will-armen-Menschen-helfen-Gefühl über den vernünftigen Verstand, der das Ganze für unökonomisch, unökologisch und entwicklungspolitisch unnachhaltig hält. Allerdings unterstütze ich nicht den populären Marktführer dieser Aktion und auch kein Kindelein mit leuchtenden Kulleraugen. Alte Männer wollen nämlich auch mal beschenkt werden. (Vermute ich.)

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